Vertrauen in die intrinsische Motivation der SchülerInnen

 

Ein Leitgedanke der Freien Naturschule Fürstenberg, der (unter anderem) von dem Neurobiologen Gerald Hüther und dem Erforscher der kindlichen Entwicklung Herbert Renz-Polster abgeleitet werden kann, ist das Vertrauen in die angeborene Neugierde und Lust am Lernen von Kindern und Jugendlichen, ihre intrinsische Motivation, die es zu erhalten und zu fördern gilt.

 

„Schüler sollten in der Schule vor allem zwei Dinge lernen, (…): Wie viel Freude es macht, wenn man sich Wissen erschließt, und dass es nichts Schöneres gibt, als sich Wissen von anderen Menschen zu erschließen, mit denen ich in eine Begegnung komme.“1

 

Hüther betont, dass es ziemlich leicht ist, den Funken beim Kind zu entzünden, wenn man es etwas machen lässt, was für es selbst bedeutsam ist, bei dem es sich etwas erschließen kann. Und aus diesem Funken kann eine „Glut“ entstehen, eine dauerhafte Bereitschaft und Intentionalität mit der das Kind in zukünftige Lernprozesse hineingeht.2

 

Dementsprechend stehen die Eigentätigkeit der SchülerInnen und ihre intrinsischen Impulse im Vordergrund der Bildungsarbeit an der Freien Schule Fürstenberg. Bildung wird als aktiver Prozess der Kinder und Jugendlichen begriffen. Die SchülerInnen sind die zentralen Akteure, die selbstgeleitet ihre eigenen Lernprozesse vorantreiben und sich in erster Linie selbst bilden. Auf diese Weise soll die mitgebrachte Begeisterung und Kreativität der SchülerInnen erhalten und gefördert werden.3

 

Durch das Vertrauen in die Motivation und Selbstständigkeit der SchülerInnen wird ihre Lust am Lernen aufrechterhalten. Sie erfahren, dass ihnen zugetraut wird, dass sie Verantwortung für ihren eigenen Bildungsprozess tragen und Aufgaben bewältigen können, an denen sie wachsen können.

 

Selbstorganisiertes, individualisiertes Lernen geht von dem inzwischen gut erforschten Ansatz der Entwicklungspsychologie aus, dass Kinder hochmotiviert ihre ganze Kindheit durch Lernen wollen und eine intrinsische Motivation zum Lernen mitbringen. Diese Motivation gilt es zu pflegen, durch die Bereitstellung einer vorbereiteten Umgebung, in der die Kinder und Jugendlichen die für sie aktuell passenden Angebote mit den richtigen Herausforderungen aussuchen können. Es ist dabei wichtig, dass SchülerInnen sich Wissen ohne Druck selbst aneignen dürfen.4

 

Dieser Druck darf weder von den Lehrkräften noch von einer Atmosphäre der Konkurrenz unter den SchülerInnen ausgehen, denn dieser ist nicht förderlich für die Lust am Lernen. Durch altersgemischte, jahrgangsübergreifende Lerngruppen, das „effektivste Lernmodell der Evolution“ wird dem direkten, konkurrierenden Vergleich entgegengewirkt und die Möglichkeit vergrößert, dass Kinder und Jugendliche miteinander spielend die Welt entdecken können.5

 

Um Druck zu vermeiden, verabschiedet sich die Freie Schule Fürstenberg auch von einem Fokus auf die Mängel des Lernenden und vom Konzept „Fehler“ als etwas Negatives zu sehen. Unter diesen Bedingungen (ohne Druck und Fehler) entstehen im Gehirn optimale Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche lernen können. „Weil man in dem Augenblick, in dem andere von einem erwarten, dass man etwas Bestimmtes leistet, zum Objekt dieser Erwartung gemacht wird.“6

 

Dabei wird ein Grundbedürfnis nach Autonomie, Wachstum und Zugehörigkeit verletzt, und es kommt im Gehirn zur Aktivierung der gleichen Netzwerke wie beim Erleiden körperlicher Schmerzen. Aber „wenn man es selbst leisten darf, dann ist man ein Subjekt, dann bestimmt man das, was man leisten möchte, selbst, dann macht man das, was man macht, auch unendlich gerne.“7

 

Unter diesen optimalen Entwicklungsbedingungen kann das Gehirn der Kinder und Jugendlichen die „genetisch angelegten Möglichkeiten zur Ausbildung hochkomplexer und zeitlebens veränderbarer Verschaltungen (…) in vollem Umfang nutzen“.8

 

 

 

1 Focus-Online: Neurobiologe Gerald Hüther, Hirnforscher: „Was man lernen will, muss unter die Haut gehen“, 09.11.2015, https://www.focus.de/familie/schule/neurobiologe-gerald-huether-hirnforscher-was-man-lernen-will-muss-unter-die-haut-gehen_id_5073129.html.

2 Gerald Hüther paraphrasiert aus dem Dokumentarfilm Schools of Trust, http://www.schoolsoftrust.com/.

3 Vgl. die von Hüther mitgegründete Initiative: Schule im Aufbruch, https://www.schule-im-aufbruch.de/.

4 Vgl. Interview mit dem Neurobiologen Gerald Hüther im Bayerischen Rundfunk: „Wissen kann man nicht beibringen“, http://www.br.de/nachrichten/gerald-huether-kinder-100.html.

5 Focus-Online: Neurobiologe Gerald Hüther, Hirnforscher: „Was man lernen will, muss unter die Haut gehen“, 09.11.2015, https://www.focus.de/familie/schule/neurobiologe-gerald-huether-hirnforscher-was-man-lernen-will-muss-unter-die-haut-gehen_id_5073129.html.

6 Der Neurobiologe Gerald Hüther zitiert aus alpha-Forum: „Gerald Hüther im Gespräch mit Iska Schreglmann“, 16.03.2016, https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-forum/gerald-huether-gespraech-100.html

7 Gerald Hüther zitiert aus ebd. Vgl. auch das Interview mit Gerald Hüther im Bayerischen Rundfunk: „Wissen kann man nicht beibringen“, http://www.br.de/nachrichten/gerald-huether-kinder-100.html.

8 Hüther, Gerald: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Göttingen 2016, S. 72.